Magdalena Miller von der schwäbischen Schönstattjugend war für 3 Monate im Sunrise Village in Indien, einem Kinderdorf der Schönstatt Patres. Als Freiwillige vom bewegenswert e.V. machte Sie dort viele Erfahrungen, von denen Sie euch hier einen kleinen Einblick geben möchte:

Indien – ein Land von vor unserer Zeit?!

So ist es mir manchmal vorgekommen – die Standards, die ich von Deutschland gewohnt war, waren einfach nicht da. Teilweise so, wie die Leute vor einigen Jahrzenten wohl auch in Deutschland gelebt haben: WLAN nur im Haupthaus, das Wasser geht manchmal aus, Stromausfälle sind 2-3-mal pro Tag ganz normal…. Ich hatte mich auf diese ganzen Umstellungen schon gedanklich vorbereitet, aber es dann zu erleben, ist doch etwas ganz anderes.

Aber jetzt erstmal kurz eine Erklärung, was ich überhaupt in Indien gemacht habe: über den bewegenswert e.V. hatte ich die Möglichkeit, in den Süden Indiens zu reisen. Im Bundesstaat Tamil Nadu gibt es ein Waisendorf, das die Schönstatt-Patres leiten. Und für dieses Waisendorf werden immer Spender und auch Freiwillige gesucht, die einige Monate im Dorf mithelfen. Vor mir war erst ein Freiwilliger dort, deshalb war es schon sehr spannend, auch als erste Frau des Projektes nach Indien zu gehen. Insgesamt war ich drei Monate vor Ort und hatte eine sehr schöne Zeit dort! Meine Aufgaben im Dorf waren, bei der Hausaufgabenbetreuung die Aufsicht zu haben, in der Schule Englisch zu unterrichten und in der Freizeit der Kinder etwas mit ihnen zu unternehmen.

 

 

 

 

Warum ich mich für eine Zeit im Ausland entschieden hatte? Ich bin Erzieherin und mir wurde Anfang letzten Jahres klar, dass mein Arbeitsvertrag in dem Kindergarten, in dem ich gearbeitet habe, bald ausläuft und nicht verlängert wird. Allerdings wusste ich auch, dass ich nicht weiter und vor allem nicht für immer in einem ‚normalen‘ Kindergarten arbeiten möchte. Wo sonst wusste ich aber auch nicht. Auch nicht, in welche Stadt ich ziehen möchte. Mir stand quasi alles offen, aber ich wusste einfach nicht, was ich überhaupt wollte. Deshalb kam ich auf die Idee, mir eine Auszeit zu nehmen und durch Freunde habe ich von dem Angebot gehört, eine Zeit lang nach Indien gehen zu können. Besonders freute ich mich darauf, in Indien so ganz andere Erfahrungen machen zu dürfen als bisher in Deutschland und dass die Stelle sogar eine Beschäftigung mit vielen Kindern war! Aber jetzt erzähle ich euch mal, was ich dort überhaupt so erlebt habe:

Das Waisendorf ist wie ein SOS-Kinderdorf aufgebaut: circa 15 Kinder wohnen in einem Cottage zusammen mit einer Witwe, die die Mutterrolle übernimmt. Sie kocht für die Kinder, betet mit ihnen das Abendgebet und erzieht sie. Dadurch entsteht eine familiäre Atmosphäre in den Cottages, die Kinder nennen sich gegenseitig sogar manchmal „Schwester“ und „Bruder“.

Im Dorf wohnte ich mit ein paar Kindern in einem Cottage. Ich hatte mein eigenes Zimmer und Bad und somit einen Rückzugsort, über den ich sehr froh war! Denn wenn ich auch liebend gerne etwas mit den Kindern gemacht habe, brauchte ich auch immer wieder mal etwas Zeit für mich! Durch das Zusammenleben mit den Kindern habe ich diese familiäre Atmosphäre miterleben dürfen und wurde auch schnell als ein „Teil der Familie“ aufgenommen. Beispielsweise war ich besonders am Anfang sehr begeistert von den Pfauen, die auf dem Gelände des Dorfes frei herumliefen. Die Kinder haben das sehr schnell gemerkt und ab da habe ich jeden zweiten Tag ausgefallene Pfauenfedern von den Kindern geschenkt bekommen. Beim Frühstück und Abendessen habe ich mit den Kindern gegessen, was sehr schön war! Und auch sonst hatten wir viel Spaß miteinander. In der Freizeit sind wir entweder zum Spielplatz gegangen oder haben in der Nähe der Cottages, manchmal auf der Dachterrasse etwas gespielt. An Silvester wurde ganz viel mit feinem, goldenen Glitzerpulver verziert. Als alles fertig gebastelt war, hat auf einmal jemand etwas Pulver verschüttet und daraus ist eine Glitzerschlacht entstanden, durch die wir alle von Kopf bis Fuß golden geglitzert haben! Ich habe oben geschrieben, dass ich mir oft vorgekommen bin, als würde Indien ein Land von vor unserer Zeit sein. Zum Beispiel mit den Stromausfällen war das so eine Sache: mit der Zeit habe ich mich schon daran gewöhnt, dass immer wieder mal das Licht und die Ventilatoren ausgehen und nach einer Weile dann halt wieder an. Eines Tages ist das allerdings während der Hausaufgabenbetreuung passiert und von einem Augenblick auf den anderen saß ich mit ca. 15 Kindern in einem stockdunklen Raum. Ich war kurz total erschrocken und habe mir fieberhaft überlegt, was ich denn jetzt machen soll, wenn auch nur fünf der Kinder panisch werden. Allerdings habe ich mir ganz umsonst Sorgen gemacht: die Kinder waren die Stromausfälle ja noch mehr gewohnt als ich und sind einfach (einigermaßen) still sitzen geblieben, bis das Licht fünf Minuten später wieder funktioniert hat. Echt beeindruckend! Ein beeindruckendes Erlebnis ist es auch jedes Mal, wenn man in Indien auf den Straßen unterwegs ist! Es gibt zwar Polizisten und theoretisch auch Geschwindigkeitsbegrenzungen, allerdings interessiert das weder Fahrer noch Polizisten: es wird halt so schnell gefahren, wie es möglich ist. Langsamer wird man meistens, weil man ein oder mehrere Schlaglöcher umfahren muss. Stau gibt es öfters mal, da wartet man auch nicht unbedingt in einer Schlange, sondern versucht, sich nebenbei vorbei zu drücken. Ein Stau entsteht schon auch mal, weil ein paar Kühe auf der Straße stehen und auch durch Hupen nicht wegzubewegen sind. Und die Sitzplätze in einem Fahrzeug werden öfters doppelt oder dreifach besetzt. Als ich schließlich vom Flughafen in Deutschland abgeholt wurde, musste ich mich erstmal wieder daran erinnern, dass ich den Sicherheitsgurt anlegen muss! Da merkt man dann doch wieder, wie anders das Land Indien ist! Wenn ich daran zurückdenke, finde ich besonders beeindruckend, wie freundlich und herzlich die Leute dort sind! Auch die Farbenvielfalt fand ich eines der tollsten Dinge dort. Außerdem war es für mich eine tolle Erfahrung, mit weniger und einem ganz anderen Standard auskommen zu müssen und natürlich dann zurück in Deutschland wieder richtig schätzen zu können, was wir hier haben!

Vor dem Unterrichten und überhaupt vor dem Englisch sprechen hatte ich noch ziemlich großen Respekt, um nicht zu sagen: ich hatte echt Angst, ob das klappt! Mein Englisch ist nicht besonders gut, vor allem ist es auch schon lange her, dass ich Englischunterricht hatte! Am Anfang war es natürlich auch oft schwierig, vor allem das indische Englisch konnte ich nicht verstehen und habe einige Male nachfragen müssen, bevor ich verstanden habe, was gemeint war. Mit der Zeit ging das dann aber immer besser. Beim Unterrichten in der Schule war bei jeder Stunde eine Lehrerin dabei, die übersetzen konnte, falls die Kinder nichts verstehen würden. Diese Lehrerinnen habe ich auch öfters gebraucht und war sehr dankbar um sie! Vor allem in den jüngeren Klassen war es schwieriger, den Kindern verständlich zu machen, um was es mir geht. Auch schwierig war es, weil die Kinder innerhalb einer Klasse ganz unterschiedlich gut Englisch sprechen und verstehen können. In den älteren Klassen hat mir das Unterrichten immer mehr Spaß gemacht, weil ich mit diesen Kindern schon richtig etwas machen konnte; diese haben auch mal eine kurze Geschichte selbst schreiben und dann vorstellen können. Am Ende meiner Zeit im Waisendorf hatte ich eigentlich noch einiges vor zu machen, aber die Zeit hat leider nicht mehr gereicht! Eine meiner liebsten Unterrichtsstunden war es, als ich den Kindern ein englisches Lied beigebracht habe, bei dem man Bewegungen dazu machen kann. Wir hatten richtig viel Spaß dabei und alle Kinder waren begeistert! Vor allem, als wir das Lied immer schneller und schneller gesungen haben, hat die ganze Klasse gelacht! Das war für mich einerseits deshalb so eindrücklich, weil wir so einen Spaß damit hatten, aber auch, weil wirklich alle Kinder mitgemacht haben; auch die, die sonst nur im Unterricht saßen und sich nicht beteiligten.

Obwohl es eigentlich drei Monate waren, die ich im Waisendorf war, ist die Zeit sehr schnell vorbeigegangen und ich war richtig traurig, als ich dann zu allen Kindern auf Wiedersehen sagen musste! Nach der Zeit im Sunrise Village habe ich dann noch eine Rundreise von Delhi aus gemacht und habe das Land Indien nochmal besser kennengelernt. Insgesamt kann ich sagen, dass es super Erfahrungen waren und ich froh bin, dort gewesen zu sein!